Zur Anregung und Verwendung aus aktuellem Anlass ein Aufsatz meiner Frau.
Luz María Destéfano de Lenkait,
Juristin und Diplomatin a.D.
18. September 2001
Zweite Chance im Geist der Erneuerung
Der Westen muß zu sich selbst kommen, ernüchtern, mit einem Geist der Erneuerung. Dazu braucht man vielleicht eine lange Pause zum Einatmen wie der Friedensphilosoph Johan Galtung am Tag nach der Katastrophe in der USA im ARD/ZDF-Mittagsmagazin (12.9.) mahnte. Ebenso sind Staatsmänner mit Format, Führungskräfte, die das Vertrauen der Leute nicht verspielen, erforderlich. Keineswegs sollte der Westen zu mittelalterlichen Kategorien zurückkehren, wie Feldzug, Feldkreuz, Kreuzzug und so weiter. Diese ist eine tragische Stunde für die Humanität in jeder Hinsicht. Sie erfordert einen nüchternen aufklärerischen Geist, keinen Racheengel, keine Rachsucht.
Der Geist der Erneuerung muß in Europa, aber an erster Stelle in Amerika, die Oberhand gewinnen. Die schmerzhafte Lehre des 11.9. ist als Neubeginn, als zweite Chance zu begreifen, eine zweite Chance, die es immer gibt: Es ist die Wende, die die Welt benötigt.
Wir müssen uns alle einmischen, damit die Regierung, die Politik nicht allein gelassen wird, vor allem der Bundeskanzler, der Nachdenken braucht. Er wirkte in seiner Ansprache in Berlin-Mitte am Sonntagabend (16.9.01) jämmerlich entgleist. Gestern noch mehr im ZDF (17.9.) Bisher hat sich der amerikanische Präsident George W.Bush in keinen wirklichen Racheengel der Vergeltung verwandelt trotz seiner missionarisch fundamentalistischen Art zu denken und zu reden. Aber der deutsche Kanzler Gerhard Schröder hat ihn übertroffen in dem er anscheinend auch eine apokalyptische Rolle übernehmen will: Schröders Rede war undurchsichtig, wirkte unbesonnen unverantwortlich vor einer Bevölkerung, die keine weitere humane Katastrophe verursachen will und vor Schaden geschützt zu werden erwartet.
Die montröse Unverhältnismäßigkeit dieser kalkulierten verheerenden weiteren Terroranschläge der Vergeltung ist um so schockierender, als Europol wiederholt vor voreiliger Festlegung gewarnt hat, um falsche Beschuldigungen zu vermeiden. (Daily Telegraph,17.9.). Ist der Bundeskanzler Schröder bei Sinnen, wenn er die Sicherheit der eigenen Nation und die Stabilität ärmster Nationen der Welt aufs Spiel setzt? Merkt er nicht, daß er somit die hervorragende Arbeit seines Innenminister dramatisch erschwert und auch die Stabilität Europas und andere Regionen der Welt? Die SPD verdient authentische Vertreter ihrer humanistischen Gründungsidee. Dieselbe Überlegung gilt intern für jede andere Partei, wo Leute mit Verantwortungsgefühl und Vision einer unteilbaren Humanität an die Spitze gerufen sind. In Notlagen entpuppt sich der wirkliche Charakter der Menschen.
Außenminister Joschka Fischer ist auch kein Mann für eine Krise, in der Frieden und Sicherheit für alle Völker mehr denn je zu bewahren ist. Wie kann er an alten Strukturen der Konfrontation des Kalten Krieges festhalten, deren irrationales ineffektives Fundament durch eine andere Irrationalität eines selbstmörderisch-Attentates seit dem 11.9. bloßgestellt wurde? Die Ineffektivität eines selbstmörderischen bedrohenden Mechanismus wurde offenkundig. Jeder gebildete hohe deutsche Militär hat dies bestätigt. Der Außenpolitiker der Grünen Ludger Volmer hat deshalb eine realistischere Einschätzung der aktuellen Stunde und plädiert für eine neue Sicherheitsarchitektur. Leute wie er müssen an die Spitze des Außenministeriums. Die Grünen dürfen den Geist ihrer Gründung nicht verraten. Heute diesen Geist hochzuhalten ist jenseits jeden Opportunismus das Gebot der Stunde. Antje Vollmer erinnert daran. Von Petra Kelly kann man auch Orientierung und Mut finden. Ihr Geist ist unsterblich.
Welche "moralische Wertvorstellung" hat Kanzler Schröder, wenn er als eine Selbstverständlichkeit die US-militärische Bedrohung hinnimmt, mit der er sogar solidarisiert auf Kosten einer massiven humanitären Katastrophe, die sich gerade jetzt in jener armen Region der Welt von Afghanistan mit jedem Tag der Kriegsdrohung verschlimmert (Meldung im ZDF 17.9, ARD/ZDF-Mittagsmagazin und ARD-Nachrichten 18.9.). Ist dies die Wertvorstellung eines "Kampfes um Kultur" des Bundeskanzlers? Es zeigt kein Mitgefühl für die Tausenden armen wehrlosen Menschen und Kinder, die in dieser bedrohten Region vor Angst fliehen. Humanitäre Organisationen der UNO nehmen alarmierend diese Flucht wahr. Eine echte Unfähigkeit mit anderen Menschen mitzufühlen, manifestiert die Haltung eines Gerhard Schröder und eines Joshka Fischer, so daß ihre Demonstrationen von Mitgefühl mit den USA sehr zweifelhaft werden. Oder gibt es Menschen erster und zweiter Klasse für den Bundeskanzler? Allerdings ist diese totale Unfähigkeit mitzufühlen auf beiden Seiten der Atlantik zu bemerken. Den Opfern in der USA können wir nicht mehr das Leben zurückgeben. Aber den lebenden Menschen im Orient kann eine humane besonnene Außenpolitik vor Tot und Mord bewahren, indem die militärische Bedrohung verschwindet. Kein Problem der Welt, auch nicht Terrorismus ist mit militärischen Mittel zu bekämpfen. Diese Lehre muß noch aufgearbeitet und verstanden werden. Ein für alle Mal. Prävention vor weiteren Konflikten und humanen Katastrophen verlangt, militärische Gewalt auszuschließen und Drohungen damit einzustellen.
Mit Ausnahme des belgischen Außenministers und des französischen Präsidenten Jacques Chirac erbringt kein Staatsmann in Europa einen Beitrag, nicht einmal ein Minimum, zur Rückkehr zur Normalität, entweder aus Feigheit gegenüber Amerika oder aus fehlendem Charakter. Dem deutschen Außenminister fehlt das Format eines französischen Ministers Chévènement, der mit einer öffentlichen Erklärung zurücktrat als Bush Senior sich ebenso in die Logik eines verheerendes Krieges gegen ein arabisches Land verstieg. Es bleibt zu hoffen, daß Bush Senior nach dem bewegenden Treffen Washingtons Nationaler Kathedrale am Sonntag (16.9.) diese schmerzhafte Wahrhaftigkeit mit sich selbst erfahren hat, denn sein Sohn muß einen anderen Weg als den des Vaters befolgen.
Jeder einfacher deutsche Bürger zeigt besser gesunden Menschenverstand als seine Regierung. Trotz der unerträglichen blasierten Rhetorik eines Fischers ("Was nun, Herr Fischer", ZDF 17.9) sehen die Leute richtig ein, daß Vergeltung nichts bringt, daß dadurch die schon ernste Lage nur verschärft wird und eine ganze, schon konfliktreiche, arme Region entzündet werden kann. In den Medien müssen sich die Gegenstimmen mehren, Stimmen, die zur Vernunft rufen, wie Clemens Ronnefeldt vom Internationalen Versöhnungsbund (SWF3-Fernsehen am Sonntag 16.9 um 18.20 Uhr) und alle moralische Instanzen, die sich gegen militärische Gegenanschläge ausgesprochen haben. Erklärungen vom russischen Premier Vladimir Putin, der gestern 17.9. in Berlin eintraf, vom Außenminister Belgiens sollten bekanntgegeben werden in einer offenen Gesellschaft, wie es CNN ununterbrochen macht. Diese guten europäischen Stimmen wie die Stellungnahme von Papst Johannes-Paul II wurden uns von ARD und WDR unterschlagen. Der russische Premier mahnte den Westen, nicht wie eine Gruppe von Banditen zu agieren und der Papst rief den amerikanischen Präsidenten Bush am Sonntag (16.9.) auf, nicht zurückzuschlagen, sondern sich der Sache der Gerechtigkeit und des Friedens mit vollem Engagement zu widmen. (CNN,16.9.).
Europa muß sich darauf besinnen, was es kann, wenn es will und was es keineswegs darf. Keine europäische Interesse ist mit militärische Gewalt durchzusetzen. Kein Terrorismus ist mit militärischen Mitteln zu beantworten. Hoch gebildete professionelle Militärs haben dies deutlich gemacht. Die Irrsinnigen, die glauben, Vergeltung wäre Prävention, sehen sich jetzt vollkommen widersprochen durch die massive humanitäre Katastrophe in Zentralasien. (ARD/ZDF-Mittagsmagazin, ARD-Fernsehen, 18.9).
Europa ist aufgerufen, eine Kultur der Mitmenschlichkeit, des Zusammenlebens in die Weltordnung einzubringen, kein Kampf der Kulturen, am wenigsten den Unsinn "ein Kampf um die Kultur" mit humanitären Katastrophen oder weiteres Morden billigend in Kauf nehmend. Kultur des Zusammenlebens bedeutet die absolute Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit großer und kleiner Staaten, die im gemeinsamen Erfolg auch die eigene Chance sehen. Dieses völlig neue Denken ist möglich und notwendig. Hier muß die USA ihren Platz wiederfinden wie Deutschland, Frankreich und England ohne Gigantomanie. Der ehemalige Außenminister Genscher hat die Vision dazu.
Die USA muß sich so bald wie möglich im Nahost-Konflikt neu engagieren, um weitere Gewalt in dieser Region zu verhindern. Die Wiederbelebung des Friedensprozesses im Nahen Osten ist dringend notwendig.
Eine Versöhnungsarbeit mit der islamischen Welt muß initiiert werden, aber auch und vor allem mit den armen Ländern, die von dem Westen verletzt und vernachlässigt worden sind wie Sudan, Kuba, Libyen, Jordanien, Irak, Syrien, Iran, Nord-Korea, Jugoslawien und viele andere. Ägypten und Rußland können dabei helfen. Auch Indien und China.